Auf einen Blick

Die Publikation „Belgiri Fruit Paste with Lime Mortar regarding Sustainability of Heritage Structures" untersucht die Wiederverwendung traditioneller, naturbasierter Mörtelrezepturen für die Konservierung historischer Bauwerke. Forscher dokumentieren, wie Zusätze wie Bel-Frucht-Mark, Babool-Gummi oder Hühnerei-Gel die Carbonatisierung von Kalkmörtel verlangsamen und damit die Lebensdauer der Gebäudehülle erhöhen. Für das Maurerhandwerk eröffnet sich ein praxisnahes Anwendungsfeld bei Sanierung, Denkmalpflege und nachhaltigem Bauen.

  • Bel-Frucht-Mark (Belgiri) als natürlicher Zusatz reduziert Carbonatisierung in Kalkmörteln
  • Traditionelle Rezepturen mit pH-Werten über 12,5 bieten verbesserte Dauerhaftigkeit
  • Praxisbewährte Verfahren aus der Denkmalpflege übertragbar auf moderne Sanierungsprojekte
  • Kombination aus Verfahrenstechnik (Verguss, Vernadelung) und Materialoptimierung
  • Relevanz für Maurer bei Sanierungen, Denkmalpflege und nachhaltigem Bauen

Carbonatisierung als Hauptschadensmechanismus

Kalkmörtel weisen nach der Erhärtung einen stark alkalischen Charakter mit pH-Werten über 12,5 auf. Diese Alkalität schützt das Mörtelgefüge und eventuell enthaltene Bewehrungen. Im Laufe der Zeit dringt Kohlendioxid aus der Umgebungsluft in das Porensystem ein, löst sich in der Porenflüssigkeit und reagiert mit Calciumhydroxid zu Calcit (CaCO₃). Die Folge: Der pH-Wert sinkt, das Bindemittel verliert seine schützende Wirkung, und Risse bilden sich durch Volumenzunahme in den Fugen. Die Studie beschreibt diesen selbstverstärkenden Prozess als „critical state", wenn Risse weiteres CO₂ eindringen lassen und den Verfall beschleunigen.

Die Carbonatisierung ist kein schicksalhafter Alterungsprozess, sondern kann durch materialtechnische Maßnahmen aktiv verlangsamt werden.
TRL 4: Komponentenvalidierung im Labor

Naturbasierte Zusätze und ihre Wirkungsweise

Die Autoren dokumentieren eine Reihe traditioneller Zusätze, die in Indien seit Jahrhunderten verwendet werden: Bel-Frucht-Mark (Belgiri), Babool-Gummi (Akaziengummi), Gur/Melasse, Urad-Dal-Paste (schwarze Linsen) und Hühnerei-Gel. Diese organischen Materialien wirken als natürliche Klebstoffe und verbessern die Kohäsion im Mörtelgefüge. Die Studie hebt hervor, dass keine Verwitterungseffekte bei den untersuchten Probekörpern feststellbar waren nach der Behandlung mit Bel-Frucht-Mark – ein Hinweis auf die Wirksamkeit dieses spezifischen Zusatzes. Die genauen Dosierungsverhältnisse werden in der Veröffentlichung beschrieben, setzen jedoch experimentelle Erfahrung voraus.

Bel-Frucht-Mark zeigt die vielversprechendsten Ergebnisse in der Reduzierung der Carbonatisierungsrate und Verbesserung der Mörteldauerhaftigkeit.
TRL 5: Validierung im relevanten Umfeld

Grundlagentechnologien: Verguss und Vernadelung

Neben der Materialoptimierung thematisiert die Publikation verfahrenstechnische Aspekte der Bauwerksinstandsetzung. Rissverguss (grouting) und Vernadelung (stitching) werden als etablierte Methoden beschrieben, um strukturelle Schäden zu stabilisieren. Dabei wird der modifizierte Kalkmörtel in die Rissflächen injiziert und vernadelnde Elemente quer zur Rissrichtung eingebaut. Die Studie betont zudem die Bedeutung baulicher Randbedingungen: Drainagesysteme und Verkehrsumleitungen sind essenziell, um die langfristige Dauerhaftigkeit zu sichern und erneute Schäden zu vermeiden.

Material und Verfahren müssen ganzheitlich betrachtet werden – ohne Drainage und Schutzmaßnahmen bleibt jede Mörtelrezeptur unwirksam.
TRL 6: Technologiedemonstration im relevanten Umfeld

Transferpotenzial für Maurer

Für das Maurerhandwerk eröffnen sich mehrere Anwendungsfelder:

Denkmalpflege und Altbausanierung: Die kombinierten Rezepturen aus Kalk, Sand und Surkhi (gebrannter Ziegelstaub) mit naturbasierten Zusätzen eignen sich für die Instandsetzung historischer Mauerwerke, Fassaden und Gewölbe. Maurer können traditionelles Wissen in moderne Sanierungskonzepte einbringen und sich als Spezialisten für nachhaltige Mörteltechnologie positionieren.

Nachhaltiges Bauen: Der Trend zu ökologischen Baustoffen und niedrigen CO₂-Fußabdrücken begünstigt den Einsatz von Kalkmörteln mit naturbasierten Zusätzen. Bauherren und Architekten suchen zunehmend nach Alternativen zu zementhaltigen Systemen – hier können Maurer mit Expertise punkten.

Spezialsanierungstechniken: Rissverguss und Vernadelung sind anspruchsvolle Verfahren, die Schulung und Erfahrung erfordern. Fortbildungsangebote und Zertifizierungen in diesem Bereich erweitern das Leistungsspektrum und erhöhen die Wertschöpfung.

Transferbarrieren: Die Verfügbarkeit von Bel-Frucht-Mark oder spezifischen traditionellen Bindemitteln kann in Mitteleuropa eingeschränkt sein. Jedoch wurden lokale Alternativen (z. B. Leinöl, Kasein, andere pflanzliche Klebstoffe) historisch ebenfalls verwendet und könnten evaluiert werden. Zudem fehlen standardisierte Prüfvorschriften und Langzeiterfahrungen für die genannten Rezepturen im mitteleuropäischen Kontext.

Fazit

Die Publikation stellt eine wertvolle Dokumentation traditionellen Wissens dar und zeigt auf, dass naturbasierte Mörtelzusätze die Dauerhaftigkeit von Kalkmörteln verbessern können. Der Transfer in die Praxis erfordert lokale Anpassungen der Rezepturen und systematische Weiterbildung. Für Maurer positioniert sich dieses Thema an der Schnittstelle von Denkmalpflege, Nachhaltigkeit und innovativer Baustofftechnologie – ein Wachstumsmarkt mit Zukunftspotenzial.

Quellen