Auf einen Blick

  • Größere Betonprobekörper mit Recyclingzuschlägen zeigen messbar geringere Druckfestigkeiten als kleinere Referenzproben
  • Standardisierte Testprotokolle für selbstverdichtenden Leichtbeton mit Recyclingmaterial fehlen bisher
  • Geometriekorrekturfaktoren für Praxisanwendungen erforderlich
  • Langzeitbeständigkeit gegen Chlorideindringen und Frost-Tau-Wechsel noch unzureichend untersucht
  • Wissenschaftliche Grundlagenforschung (2020–2025) liefert wichtige Basis für künftige Normung

Die Publikation untersucht erstmals systematisch den Einfluss von Probekörpergröße und -form auf selbstverdichtenden Leichtbeton mit Recyclingzuschlägen (SCLWRAC). Für Maurermeister und Bauleiter sind die Erkenntnisse relevant, da sie aufzeigen, warum Laborergebnisse nicht immer mit der Baustellenrealität übereinstimmen – und welche Wissenslücken bei der Verwendung von Recyclingmaterial im Mauerwerksbau bestehen.

Größeneffekt bei Recyclingbeton: Kleine Proben überschätzen Festigkeit

Die Untersuchungen zeigen einen signifikanten Größeneffekt: Größere Probekörper weisen systematisch geringere Druckfestigkeiten auf als kleinere Vergleichsproben. Dieser Effekt verstärkt sich bei höheren Recyclingzuschlagsanteilen. Während herkömmlicher Beton einen bekannten Größeneffekt aufweist, ist dieser bei SCLWRAC mit bis zu 100% Recyclingzuschlag deutlich ausgeprägter. Die Ursache liegt in der heterogeneren Struktur des Materials: Recyclingzuschläge enthalten bereits Mikrorisse aus der vorherigen Nutzung, die sich in größeren Probekörpern stärker bemerkbar machen.

Kleine Laborproben (z. B. 150 mm Würfel) liefern bei Recyclingbeton systematisch zu optimistische Festigkeitswerte – für die Baupraxis bedeutet das ein unterschätztes Sicherheitsrisiko.
TRL 4: Technologievalidierung im Labor – Materialverhalten experimentell nachgewiesen, aber Übertragung auf Praxisgrößen noch unvollständig

Fehlende Standardisierung: Erkenntnislücken identifiziert

Mittels scientometrischer Analyse aller relevanten Veröffentlichungen von 2020 bis 2025 identifizierten die Autoren drei zentrale Wissenslücken: Erstens existieren keine einheitlichen Testprotokolle für SCLWRAC, die den Geometrieeinfluss systematisch berücksichtigen. Zweitens fehlen Korrekturfaktoren, mit denen Laborergebnisse auf praxisrelevante Bauteilgrößen übertragen werden können. Drittens ist die Langzeitbeständigkeit – insbesondere Chlorideindringung und Frost-Tau-Widerstand – für diese Materialklasse kaum untersucht. Für Maurer bedeutet das: Recyclingbeton kann verwendet werden, aber die Langzeitprognosen sind mit größeren Unsicherheiten behaftet als bei Primärmaterial. Die identifizierten Lücken zeigen, dass weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeit erforderlich ist, bevor eine breite Praxisanwendung möglich wird.

Die Normung hängt der Materialentwicklung hinterher – Recyclingbeton ist technisch machbar, regulatorisch aber noch nicht vollständig abgesichert.
TRL 4: Technologievalidierung im Labor – Konzept und Lücken beschrieben, praktische Umsetzbarkeit noch eingeschränkt

Materialkombinationen im Vergleich: SCC, LWA und Recyclingzuschläge

Die Arbeit vergleicht die Wirkungsweisen von drei Materialkonzepten: Selbstverdichtender Beton (SCC) benötigt spezielle Mischungsentwürfe für ausreichendes Fließverhalten. Leichtzuschläge (LWA) reduzieren das Raumgewicht, beeinflussen aber die Druckfestigkeit. Recyclingzuschläge (RA) erhöhen die Nachhaltigkeit, führen jedoch zu stärkerer Streuung der Materialeigenschaften. Die Kombination aller drei Konzepte – SCLWRAC als hochentwickelter Verbundwerkstoff – zeigt das größte Potenzial für nachhaltiges Bauen, aber auch die komplexesten Wechselwirkungen. Die Autoren fordern verbesserte Vorhersagesoftware, die diese Wechselwirkungen berücksichtigt und zuverlässige Prognosen für die Baustellenpraxis ermöglicht.

SCC + LWA + RA = maximale Nachhaltigkeit, aber maximale Komplexität – einfache Übertragungsformeln funktionieren hier nicht mehr.
TRL 4: Technologievalidierung im Labor – Materialverhalten im Labor charakterisiert, Praxisanwendung erfordert weitere Entwicklung

Transferpotenzial für Maurer

Für die Maurerpraxis ergeben sich konkrete Handlungsansätze: Bei der Verarbeitung von Recyclingbeton sollten Maurermeister die Zylinder- statt Würfeldruckfestigkeit als Referenz verwenden, da Zylinder den Größeneffekt besser abbilden. Bei Ausschreibungen mit hohen Recyclinganteilen empfiehlt es sich, Sicherheitsbeiwerte konservativer anzusetzen. Für Wärmedämmverbundsysteme und nichttragende Innenwände ist SCLWRAC bereits heute eine nachhaltige Alternative. Die Publikation liefert Argumentationshilfen für Bauherren, die Nachhaltigkeitsaspekte in der Ausführungsplanung berücksichtigen möchten. Maurerbetriebe können durch frühzeitige Auseinandersetzung mit Recyclingbeton Wettbewerbsvorteile erzielen, wenn die Normung in den nächsten Jahren fortschreitet.

Fazit

Die Publikation macht deutlich: Recyclingbeton ist im Maurerhandwerk einsetzbar, aber Laborwerte sind mit Vorsicht zu interpretieren. Die wissenschaftliche Forschung hat die Problematik erkannt – jetzt braucht es pragmatische Lösungskonzepte. Maurermeister sollten bei relevanten Projekten mit Recyclinganteilen die Größeneffekte thematisieren und konservative Sicherheitsansätze wählen. Die Entwicklungsbedarfe bei Normung und Vorhersagesoftware bieten Chancen für innovative Betriebe.

Quellen

  • Primär: Specimen Geometry Effects on Lightweight Self-Compacting Concrete made with Recycled Aggregates - Research Trend and knowledge Gap Analysis (2026, Online First). https://doi.org/10.1139/cjce-2025-0267
    Hinweis: Die Analyse deckt den Zeitraum 2020–2025 ab; das Publikationsjahr 2026 bezieht sich auf die Online-First-Veröffentlichung.