Auf einen Blick
- Bei hoch energieeffizienten Wohngebäuden entfallen 62–72% der Umweltauswirkungen auf die verkörperten Emissionen (embodied carbon)
- Fundamentplatten und Geschossdecken sind die größten Einzelverursacher – typische Maurerarbeiten
- Informierte Materialwahl kann die embodied impacts bei Einfamilienhäusern um bis zu 60% reduzieren
- Die Studie analysierte 126 Gebäude systematisch und liefert belastbare Benchmarks
- Die Ergebnisse sind direkt auf den mitteleuropäischen Baukontext übertragbar
Die flämische Studie aus dem Jahr 2024 liefert erstmals eine systematische Quantifizierung der Umweltlastenverteilung zwischen betrieblichem Verbrauch und verkörperten Emissionen für den flämischen Gebäudebestand. Für das Maurerhandwerk sind die Ergebnisse von hoher Relevanz, da konstruktive Elemente wie Fundamente, Bodenplatten und Tragwände maßgeblich zum embodied carbon beitragen.
Embodied Carbon dominiert bei energieeffizienten Gebäuden
Die Studie untersuchte 108 Einfamilienhäuser, 10 Mehrfamilienhäuser und 8 Nicht-Wohngebäude systematisch mittels Life-Cycle-Assessment. Für Wohngebäude zeigt sich, dass 62–72% der Gesamtumweltauswirkungen bereits in der Bauphase entstehen – bei Nicht-Wohngebäuden sind es immer noch 47%. Diese Verschiebung resultiert aus verbesserten Energieeffizienzstandards, die den Betriebsaufwand senken, den Materialaufwand jedoch konstant halten oder erhöhen.
Fundamentplatten und Geschossdecken als Hotspots
Die Elementanalyse identifiziert deutlich: Böden sind über alle Gebäudetypen hinweg die größten Beiträge zu den verkörperten Emissionen. Bei Einfamilienhäusern dominiert die Fundamentplatte (slab on grade) mit bis zu 30% der gesamten embodied impacts. Bei mehrgeschossigen Gebäuden tragen die inneren Geschossdecken die Hauptlast. Innenausbau und Tragstrukturen folgen an zweiter und dritter Stelle. Mauerwerk und Stahlbetonkonstruktionen sind damit zentrale Stellhebel für nachhaltiges Bauen.
Materialwahl potenziert Einspareffekte massiv
Die stufenweise Reduktionsanalyse für Einfamilienhäuser belegt: Durch informierte Materialwahl lassen sich embodied impacts um bis zu 60% senken. Konkret bedeutet das: niedrig-carbon Beton, recycelte Zuschläge, optimierte Stahlsorten und alternative Bindemittel wie geopolymerer Beton. Die Studie zeigt, dass bereits konventionelle Optimierungen – etwa CEM II statt CEM I – substanzielle Effekte erzielen, ohne die baupraktische Machbarkeit zu gefährden.
Transferpotenzial für Maurer
Die Ergebnisse der flämischen Studie bieten direkte Anwendungsmöglichkeiten für das Maurerhandwerk. Bei der Ausschreibung und Materialbeschaffung können Maurer gezielt niedriger-carbone Betonsorten und Mauerwerksmaterialien vorschlagen. Die Fundamentplatte als größter Einzelverursacher bietet das größte Hebel: Hier können Betonersatzstoffe wie Flugasche, Hüttensand oder rezyklierte Gesteinskörnungen den CO₂-Fußabdruck signifikant senken. Für Geschossdecken in mehrgeschossigen Bauten sind vorgefertigte Betonfertigteile oft vorteilhafter als Ortbeton – sie reduzieren Verschnitt und erlauben präzisere Materialsteuerung. Maurer, die LCA-Kenntnisse in Beratungsgespräche einbringen, positionieren sich als kompetente Partner für Besteller und Architekten. Schulungen zu nachhaltigen Materialalternativen und deren Verarbeitungsanforderungen werden zunehmend zum Wettbewerbsfaktor. Benchmarking gegen europäische Schwellenwerte – wie in der Studie demonstriert – ermöglicht Maurern, eigene Ausführungen quantifiziert mit Referenzprojekten zu vergleichen und Optimierungspotenziale zu identifizieren.
Fazit
Die Studie aus Flandern macht deutlich: Das Maurerhandwerk steht im Zentrum der Nachhaltigkeitstransformation im Hochbau. Die konstruktiven Elemente, die Maurer ausführen, bestimmen maßgeblich das Umweltrisiko eines Gebäudes. Mit informierter Materialwahl, Kenntnissen zu LCA-Benchmarks und Fähigkeit, niedrig-carbone Alternativen fachgerecht zu verarbeiten, können Maurer ihren Beitrag leisten und sich zugleich als spezialisierte Berater positionieren. Die Datenbasis ist robust und auf den deutschsprachigen Raum übertragbar.
Quellen
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